Freiheit in der Mediengesellschaft - Chance oder Illusion
Verfasst am 14. May 2008
Ordner: Netzkultur, Texte
Wir alle befinden uns in einer großen „Wolke“ des weltweiten Informationsflusses und der globalen Vernetzung. Die Rollenverteilung ist klar eingeteilt: Zeitungen, Fernseh- und Radiosender sowie andere Medien sorgen für täglich aktuelle Nachrichten. Die Rolle der Bevölkerung besteht darin, die gelieferten Informationen aufzunehmen. Dieses Schema entwickelte sich über mehrere Jahrzehnte, jedoch werden die Grenzen durch das transnationale Internet allmählich immer weiter verwischt. Jedermann kann Informationen bereitstellen und es einem weltweiten Publikum ermöglichen, diese zu konsumieren. Auch große Medienunternehmen sind nicht mehr ausschließlich auf die eigenen Journalisten angewiesen, sondern senden auch immer öfter Inhalte von ganz gewöhnlichen Bürgern. Vor allem selbst gedrehte Augenzeugen-Berichte, Tanzeinlagen oder Musikvideos schaffen es so vom Fernsehen ausgestrahlt zu werden. Die Mediengesellschaft befindet sich also definitiv gerade in einem großen Umschwung. Die traditionelle Machtverteilung der Medien scheint beinahe zu kippen und wir werden in Zukunft selbst ein Teil des Informationsflusses sein. So können wir alle über die Bedeutung von Nachrichten mitbestimmen und auch eigene Inhalte produzieren. Ist diese Freiheit jedoch eine Chance? Oder doch nur eine Illusion?
Der Mensch sucht in der „neuen“ Mediengesellschaft nicht mehr nur nach Informationen - er will ein Teil von dieser sein! In der globalen Vernetzung geht es darum, eine persönliche Identität im Netz aufzubauen und sich über sein digitales Profil zu identifizieren. Mit Beiträgen zur gesamten Informationswolke verdient man sich Anerkennung von anderen Leuten. Dabei geht es über die Anerkennung in der lokalen Nachbarschaft hinaus. Im „globalen Dorf Internet“ wohnen alle beisammen und können miteinander ohne Probleme kommunizieren. Es entwickeln sich Freundschaften und/oder man findet schnell Sympathisanten auf der ganzen Welt, die eine Meinung teilen oder ein gleiches Interessensgebiet aufweisen. So bilden sich Interessensgemeinschaften und jeder Teilnehmer gehört dazu, egal wo er sich auf der Erde befindet. Im Grunde strebt der Mensch in der neuen Mediengesellschaft danach, ein Teil dieser zu sein und seinen eigenen Beitrag dazu zu leisten, sodass er selbst etwas wert ist und Bestätigung von Mitmenschen bekommt.
Im Gegensatz dazu stehen die Interessen des Bildungswesens, der Wirtschaft, der Politik und den Medien selbst. Sie glauben zu wissen, was gut für den Menschen ist und versuchen uns allen den „richtigen“ Verlauf der Dinge aufzuzwingen. Jede einzelne dieser Einrichtungen übt einen gewissen Einfluss auf die Teilnehmer der Medienwelt (Menschen, Unternehmen, Gruppierungen) aus. Alle Einrichtungen zusammen steuern jedoch unterbewusst die Taten von uns Menschen. Im österreichischen Bildungssystem werden den Schülern zwar das Elend und die Missstände dieser Welt geschildert, jedoch benötigt es den Einsatz jedes Einzelnen um das Ausmaß dieser Dinge wirklich zu begreifen und sich mit der Materie weiter zu beschäftigen. Ein Grundziel der Wirtschaft ist es, in der Bevölkerung ein gutes Image zu genießen und eine tadellose Reputation zu erlangen. Um das zu erreichen, werden häufig Medien ausgenützt. Beispielsweise kann ein Nachrichtenbeitrag durch die Ankündigung neuer Umweltschutzmaßnahmen einer Firma, zu einer unbezahlten Werbemeldung umfunktioniert werden. Im Schatten des Medieninteresses beutet dasselbe Unternehmen zur selben Zeit zahllose Mitarbeiter in Billiglohnländern aus und lässt diese auf engstem Raum schuften. Klarerweise wird nur über die für das Image positiven Dinge medienwirksam in Zeitungen, TV-Spots und Werbebeiträgen berichtet. Die neue Mediengesellschaft kann jedoch das Wissen des Einzelnen dazu verwenden, um solche Missstände aufzudecken und publik zu machen. Der Mensch an sich durstet nach Wahrheit, Informationen und Nachrichten, jedoch kommt nicht immer alles sofort an die Öffentlichkeit – diesen Job übernehmen in der neuen Mediengesellschaft überwiegend auch die normalen Leute. So gibt es bereits Webportale, die rein durch das Wissen und Interesse jedes Internetbenutzers versuchen, den Rest der Welt auf solche Dinge hinzuweisen. Wikileaks.org – ein Portal basierend auf dem Wikipedia-Prinzip - beschäftigt sich zum Beispiel rein mit der Veröffentlichung von bisher geheimen Informationen. Neue Erkenntnisse und Wahrheiten werden danach rasend schnell für ein großes Publikum aufbereitet und freiwillig durch die Benutzer verbreitet. Mundpropaganda spielt hier eine große Rolle. Die Zugriffszahlen dieser Plattformen beweisen eindeutig, dass die Menschheit über ein andauerndes Bedürfnis nach Wahrheit verfügt.
Gleichermaßen passiert es auch in der Politik, dass die Bevölkerung bevormundet wird. Übergeordnete Organe entscheiden, was gut für den Menschen ist und welche Inhalte besser von ihm fern gehalten werden sollten. Gut beobachten kann man dies derzeit in vielen asiatischen Ländern (vor allem in China), wo ganze Teile des Internets für die Einwohner gesperrt werden, um die Interessen der Regierung zu schützen. Die freie Enzyklopädie Wikipedia, die in China indessen komplett blockiert ist, wurde zum Opfer solcher Zensureinschränkungen. Ein weiteres Exempel aus China ist die Internetsuchmaschine Google . Sucht ein Benutzer beispielsweise nach „Unabhängigkeit für Taiwan“, bekommt er eine leere Ergebnisliste präsentiert. Hierbei wird deutlich, wie die Interessen von Individuen durch die Politik eines Staates eingeschränkt werden. Firmen unterwerfen sich diesen Maßnahmen leider zu schnell und versuchen es nicht ausreichend, sich zur Wehr zu setzen. Das schränkt wiederum jeden von ein. Die Gesamtheit der oben genannten Einflüsse ergibt die kleine, restliche Freiheit und die bestehende Eigenverantwortung über das eigene Leben.
Wie schon erwähnt sorgen die konventionellen Medien, wie Fernsehen, Print-Journalismus etc., nicht unbedingt für ein aktuelles und richtiges Weltbild. Oftmals werden wirklich wichtige und interessante Nachrichtenmeldungen zu Gunsten von medienwirksamen Sensationsmeldungen gekürzt oder gar ausgelassen. Der Kampf um Aufmerksamkeit und Entertainment statt Wissen wird leider der stilvollen Berichterstattung vorgezogen, da ersteres wesentlich mehr Zuschauer/Leser anlockt und somit die Werbe-Einnahmen um ein vielfaches ansteigen. Neue Entwicklungen im Internet fördern die derzeitige Wandlung von der traditionellen bzw. konventionellen Medienberichterstattung zur interaktiven Partizipation der Menschen. Das Wissen eines Einzelnen gliedert sich somit in das bereits bestehende Wissen von Anderen ein und macht dieses noch komplexer und umfangreicher. So wird Stück für Stück eine gigantische Ansammlung von Erkenntnissen zusammengetragen. Portale wie Wikipedia.org oder wer-weiss-was.de stellen dazu die notwendigen Vorraussetzungen zur Verfügung.
Die Tatsache, dass jeder am globalen Austausch von Know-How teilnehmen kann, sichert jedoch nicht automatisch die Korrektheit von allen Einträgen. Das System der „gesetzlosen“ Zusammenarbeit kann schnell von Betrügern oder selbst der Wirtschaft ausgenutzt werden. Tatsächlich machen Aufzeichnungen von Wikipedia deutlich, dass Firmen ihre eigenen Artikel bearbeiten um negative Aussagen zu entfernen und ihr sauberes Image zu bewahren. Die Nutzer übernehmen deswegen auch noch eine weitere Kompetenz, die ursprünglich nicht zu ihrer Rolle gehörte: Sie sollen mit ihrem Wissen mithelfen, die Portale als Kontrollorgane zu pflegen und Falschmeldungen zu korrigieren. Wikipedia ist ein Paradebeispiel dafür, dass ein solcher globaler Austausch von Informationen funktionieren und jeder ganz einfach sein eigenes Wissen bereitstellen kann.
Neue Medien werden in Zukunft einen immer größer werdenden Bestandteil unseres Lebens erobern und uns in jeder Lebenslage mit Informationen beliefern. Dabei werden in Zukunft vor allem mobile Dienste und das Handy als Medium ein beachtliches Wachstum spüren. Viele kleine Dienste werden wie Frühlingsblumen aus dem Boden sprießen und unser Mitteilungsbedürfnis decken. So werden wir eine Sehenswürdigkeit fotografieren und die wichtigsten Informationen direkt auf unser Handy bekommen oder wir übertragen die erste Geburtstagsfeier von unserem Sohn via Mobiltelefon direkt ins Internet, sodass die Großeltern diesen Moment live und ohne Zeitverzögerung miterleben können – Auch wenn sie sich am anderen Ende der Welt befinden.
Die hohe Verfügbarkeit des mobilen Breitband Internets wird zur Folge haben, dass überall schneller Zugang zum Word Wide Web gewährleistet ist. Dadurch wird sich auch die Kommunikation im Allgemeinen verändern. Da man ständig Teil der „Wolke“ ist, hat man die Möglichkeit dauernd Statusmeldungen von Freunden und Bekannten zu empfangen. Der Internetdienst Twitter.com verfolgt beispielsweise schon jetzt diese Strategie. Twitter konfrontiert den Nutzer mit der einfachen Frage „Was machst du gerade?“. Diese kann dann beantwortet werden und die Statusmeldung erscheint sofort neben all den anderen Millionen Meldungen. Freunde von einem Nutzer können so ganz einfach immer auf dem Laufenden gehalten werden, was in ihrem Freundeskreis derzeit so passiert. Obwohl die Idee an sich trivial erscheint, verzeichnet der Dienst enorme Besucherzahlen und schafft dadurch einen Einblick in zukünftige Entwicklungen.
Die neuen Medien bringen erheblich mehr Freiheit mit sich, da nicht länger der Inhalt durch große Medienunternehmen vorgegeben wird, sondern von gewöhnlichen Menschen, wie wir alle sind. So entscheiden die Nutzer, welche Nachrichten, Bilder und Videos wichtig sind und dementsprechend populär werden. Nischenprodukte finden jedoch trotzdem ihre Konsumenten und gehen nicht ganz unter. Die derzeitige Entwicklung des Internets ist ein gutes Beispiel, wie stark zukünftige Medien Einfluss auf unser Leben haben können, ob dadurch auch die Zufriedenheit von Menschen gesteigert werden kann, steht auf einem anderen Blatt Papier geschrieben!
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